Ein halber Satz im Plauderton, als Antwort auf die Frage von Journalisten beim Parteitag der Sozialisten, hat der Öffentlichkeit zu der Entdeckung verholfen, dass von der Opposition vielleicht doch mehr zu erwarten sei als die gequälte Wahl zwischen extrem linken, gemäßigt linken, halblinken, sozialreformerischen, in jedem Fall aber mit sozialistischem Markensiegel versehenen politischen Rezepten. Ségolène Royal hat damals nicht ihre Kandidatur für die Präsidentenwahl angekündigt, sie hat lediglich angedeutet, dass sie sich dergleichen zutraue. Und da sie bei den ideologischen Grabenkämpfen, mit denen die Sozialisten es immer wieder verstehen, die Wähler abzuschrecken, nie dabei war, hat sie im Handumdrehen nicht nur das Fußvolk der eigenen Partei für sich gewonnen, sondern bis in die Reihen der Rechten hinein Wohlwollen erobert.
Nicht nur die Präsidentenwitwe Danielle Mitterrand, der sie im Flugzeug nach Rom begegnete, hat sie ermutigt, ihren Weg fortzusetzen. Auch Bernadette Chirac bescheinigte ihr, sie sei eine „seriöse Kandidatin“, die unter Umständen die Wahl gewinnen könne. Mit 53 Prozent auf der Popularitätsskala verweist Ségolène Royal alle anderen sozialistischen Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur auf die Plätze – ihren Lebensgefährten, Parteichef François Hollande, eingeschlossen. Dass Ministerpräsident de Villepin im Streit über den Kündigungsschutz Woche für Woche an Ansehen verliert, kommt ihr zusätzlich zugute. Der ehrgeizige Nicolas Sarkozy, der seinerseits die Nachfolge Chiracs anstrebt und sich deutlich vom glücklosen de Villepin absetzen konnte, betrachtet sie als „respektable Gegnerin“.
Für die Werte der Familie
Dieses Kompliment wiegt umso schwerer, als Ségolène Royal nicht mit den herkömmlichen Themen der Linken wirbt. Die 1953 in Dakar als Tochter eines französischen Offiziers geborene Absolventin der Elitehochschule Ena bewegt sich vielmehr auf einem Terrain, das die Parteien der Rechten bislang als das Ihre betrachten konnten: Sie wirbt für die Werte der Familie („Familie, das ist ein Vater und eine Mutter“), sie kämpft gegen Pornografie und Kriminalität („Man muss hart sein gegen das Verbrechen und gegen die Ursachen der Kriminalität“), sie will die Auswüchse des unkontrollierten Fernsehkonsums bei Kindern und Jugendlichen eindämmen. Ségolène Royal ist das lebende Beispiel dafür, dass die Rolle der Mutter und die berufliche Karriere sich vereinbaren lassen. Viele Franzosen erinnern sich noch an die Fernsehbilder, die sie einst in den letzten Wochen einer heiter getragenen Schwangerschaft auf den Stufen des Elysée-Palastes zeigten.
Sie wurde nach einem beruflichen Start als Beraterin im Stab Mitterrands 1992 Umweltministerin, übernahm 1997 nach der Rückkehr der Linken an die Regierung unter dem Premierminister Jospin das Schulressort und schließlich im Jahr 2000 als „Ministre déléguée“ die Zuständigkeit für Familie, Kinder und Behinderte. Mit François Hollande hat sie vier Kinder, ist aber nicht mit ihm verheiratet. Anders als viele Linke ist sie keine Befürworterin der Homo-Ehe und erkennt – trotz ihrer eigenen Praxis – den besonderen Status der Ehe als Bund von Mann und Frau an.
François Hollande, der als Nachfolger des glücklosen Lionel Jospin an die Spitze der Sozialistischen Partei trat, ist Bürgermeister der Stadt Tulle und Abgeordneter des Départements Corrèze, das auch Chiracs politische Heimat darstellt. Ségolène Royal ihrerseits sitzt für das Département Deux-Sèvres in der Nationalversammlung und ist seit dem Erfolg der Sozialisten bei den Regionalwahlen von 2004 Präsidentin des Regionalrats von Poitou-Charentes, wo sie den früheren Premierminister Jean-Pierre Raffarin abgelöst hat.
Mit François Hollande ist sie seit dem Studium an der Elitehochschule Ena zusammen. Beide gehörten dem Jahrgang „Voltaire“ an, der 1980 seine Examen ablegte. Dominique de Villepin, der heutige Premierminister, ist ebenfalls ein Jahrgangskamerad und vor allem Jacques Attali, der es verstand, sich bei Mitterrand unentbehrlich zu machen. Seiner Fürsprache verdankte das Paar Royal-Hollande die Berufung in den Beraterkreis des Elysée-Palastes.
Populär ohne Programm
An den „großen Schulen“ geschlossene Freundschaften und gemeinsam in Ministerkabinetten erworbene Erfahrungen bestimmen in Frankreich politische Karrieren. „Voltaire“ wird wieder zum Zuge kommen, wenn für die damenhaft elegant auftretende Politikerin aus dem agrarischen französischen Westen der Elysée-Palast in greifbare Nähe rücken sollte: Jacques Attali hat sich in den Dienst von Madame Royal gestellt.
Parteichef Hollande hält sich zurück. Offiziell gilt der Zeitplan, nach dem die Partei im Herbst über die Präsidentschaftskandidatur entscheiden soll. Aber als im Norden Frankreichs die Parteifunktionäre des stärksten Départementsverbandes mit Querschüssen den Royal-Besuch zu torpedieren suchten, hat er François Rebsamen, Oberbürgermeister von Dijon und Nummer zwei der Sozialistischen Partei, beauftragt, die Disziplin wieder herzustellen.
Der einstige Finanzminister Dominique Strauss-Kahn, der seine eigene Kandidatur aktiv vorbereitet, sah seine Kreise gestört und warf Hollande vor, ein doppeltes Spiel zu spielen und in Wahrheit die Geschäfte seiner Lebensgefährtin zu betreiben. Der frühere Premierminister Laurent Fabius, der nach links steuert und seine Netze bis zu den Kommunisten auswirft, riskierte die spöttische Frage, wer denn die Kinder hüten solle, wenn Madame Royal in höheren Sphären Karrieren mache. Jack Lang, der ewige Kandidat für jedes zu vergebende Amt, fühlte sich gedemütigt, als er bei der Pariser Landwirtschaftsschau einsam durch die Gänge wandern musste, während Ségolène Royal zwanzig Meter entfernt von Journalisten, Kameraleuten und Fotografen umlagert wurde.
Ihnen allen gemeinsam ist die Verbitterung darüber, dass die plötzlich aufgetauchte Anwärterin auf das höchste Amt der Republik ohne gewichtige programmatische Aussagen populär geworden ist – oder vielleicht gerade deswegen. Nach dem Erfolg der Frauen bei den Wahlen in Deutschland und Chile surft sie auf den Wellen der Sympathie für die Akzente der Weiblichkeit in der Politik. Sie habe nicht die Antworten auf alle Fragen parat, so wehrte sie allzu drängende Fragen der Journalisten ab.
Allerdings löste sie bei ihren männlichen Konkurrenten Zähneknirschen aus, als sie – für Frankreichs Linke die reine Häresie – Sympathien für Tony Blair bekundete. Er habe es verstanden, seinem Land wieder Dynamik zu verleihen, der Jugend Vertrauen einzuflößen und die Arbeitslosigkeit zurückzudrängen. „Wir dürfen“, so mahnte sie ihre Parteifreunde, „nicht verknöchert eingesperrt bleiben in unseren ideologischen Kategorien, die uns daran hindern, die Fronten in Bewegung zu bringen.“ Dieses unbekümmerte Bekenntnis dürfte Lionel Jospin, der sich der zerstrittenen Sozialistischen Partei nach vierjähriger politischer Abstinenz als Retter in der Not anbieten wollte, die Lust zur Rückkehr verdorben haben.